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RPE und RIR verstehen

Lerne, wie du RPE und RIR nutzt, um die Trainingsintensität zu optimieren. Ein wissenschaftlicher Ansatz für effektivere Trainingsprogramme.

January 26, 2026
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Was sind RPE und RIR?

Im Krafttraining ist das Messen und Steuern der Trainingsintensität für kontinuierlichen Fortschritt entscheidend. RPE (Rate of Perceived Exertion) und RIR (Reps In Reserve) sind intuitivere und flexiblere Methoden zur Intensitätssteuerung als 1RM-Prozentsätze.

Das Beherrschen von RPE und RIR bietet:

  • Präzise Intensitätssteuerung: passt sich automatisch an die Tagesform an

  • Vermeidung von Übertraining: verhindert übermäßige Ermüdungsansammlung

  • Optimierter Fortschritt: Balance zwischen Unter- und Übertraining

  • Flexible Programmgestaltung: effektives Training ohne 1RM-Tests

RPE (Rate of Perceived Exertion)

Was ist die RPE-Skala?

Definition: subjektiv empfundene Trainingsintensität, gemessen auf einer Skala von 1 bis 10

Die RPE-Skala stammt von der Borg-Skala und wurde von Mike Tuchscherer für Powerlifting und Krafttraining angepasst.

Die 10-Punkte-RPE-Skala

  • RPE 10: maximale Anstrengung, RIR 0 - keine weitere Wiederholung möglich, Muskelversagen

  • RPE 9.5: nahezu maximal - nicht mit perfekter Technik, vielleicht mit Technikverlust

  • RPE 9: sehr schwer, RIR 1 - eindeutig 1 weitere Wiederholung möglich

  • RPE 8.5: schwer - 1 Wiederholung sicher, 2 unsicher

  • RPE 8: schwer, RIR 2 - eindeutig 2 weitere Wiederholungen möglich

  • RPE 7.5: mäßig-schwer - 2 Wiederholungen sicher, 3 unsicher

  • RPE 7: mäßige Intensität, RIR 3 - eindeutig 3 weitere Wiederholungen möglich

  • RPE 6: mäßig schwer, RIR 4 - bequem, 4 weitere möglich

  • RPE 5: normal, RIR 5+ - leicht, viele übrig

  • RPE 1-4: sehr leicht - Aufwärmniveau

Anwendungsbeispiel für RPE

Beispiel: Kniebeuge 5 Wiederholungen @ RPE 8

  • Nach 5 absolvierten Wiederholungen

  • Könntest mit perfekter Technik 2 weitere schaffen

  • 3 Wiederholungen nicht möglich

  • Das ist RPE 8 (RIR 2)

RIR (Reps In Reserve)

Was ist RIR?

Definition: Anzahl der bei Satzende verbleibenden Wiederholungen

RIR ist das umgekehrte Konzept zu RPE, aber intuitiver. Es beantwortet die Frage „Wie viele hätte ich noch geschafft?“

RIR-Skala

  • RIR 0: keine weitere möglich (RPE 10) - 1RM-Tests, Peaking

  • RIR 1: 1 Wiederholung übrig (RPE 9) - Intensitätsblock, schwere Lasten

  • RIR 2: 2 Wiederholungen übrig (RPE 8) - Hypertrophie, Krafttraining

  • RIR 3: 3 Wiederholungen übrig (RPE 7) - Volumenblock, Techniktraining

  • RIR 4+: 4+ Wiederholungen übrig (RPE 6 oder weniger) - Aufwärmen, Deload

Anwendungsbeispiel für RIR

Beispiel: Bankdrücken 8 Wiederholungen @ RIR 2

  • 8 Wiederholungen absolvieren

  • Gewicht wählen, das 2 weitere Wiederholungen erlaubt

  • Gewicht nutzen, mit dem insgesamt 10 Wiederholungen möglich wären, nur 8 ausführen

  • Das ist RIR 2 (RPE 8)

RPE vs RIR: Was sollte man nutzen?

Vorteile von RPE

  • Feinere Steuerung: in 0.5-Schritten anpassbar (RPE 8.5)

  • Standardisiert: in der Powerlifting-Community weit verbreitet

  • Forschungsbasiert: mehr wissenschaftliche Literatur

  • App-Unterstützung: die meisten Trainings-Apps nutzen RPE

Vorteile von RIR

  • Intuitiver: „Wie viele übrig?“ ist leichter zu verstehen

  • Anfängerfreundlich: einfachere Skala

  • Sofort: direkt nach dem Satz beurteilbar

  • Konkret: in klaren Zahlen ausgedrückt

Empfohlener Ansatz

Anfänger: mit RIR beginnen, um die Konzepte zu verstehen
Fortgeschrittene: zu RPE wechseln für feinere Steuerung
Profis: beide nutzen, situationsabhängig anwenden

RPE/RIR präzise nutzen

1. Kalibrierung

Ziel: subjektive Wahrnehmung mit der tatsächlichen Leistungsfähigkeit abgleichen

Methode:

  1. Versagenstest:

    • Mit leichtem Gewicht beginnen

    • Bis zum tatsächlichen Versagen ausführen

    • Notieren, wie viele weitere du für möglich hieltest

  2. Videoanalyse:

    • Sätze auf Video aufnehmen

    • Abnahme der Hantelgeschwindigkeit beobachten

    • Schwierigkeit der letzten Wiederholung prüfen

  3. Regelmäßige Neukalibrierung:

    • Alle 4-6 Wochen einen Versagenstest

    • Differenz zwischen Wahrnehmung und Realität prüfen

    • Bei Bedarf anpassen

2. Beurteilung anhand der Hantelgeschwindigkeit

Zusammenhang von Hantelgeschwindigkeit und RPE:

  • RPE 6-7: die Hantel bewegt sich schnell und flüssig

  • RPE 8: die Hantelgeschwindigkeit ist etwas langsamer, noch kontrolliert

  • RPE 9: die Hantelgeschwindigkeit ist deutlich langsam, schwer

  • RPE 10: die Hantel stoppt oder versagt

Tipp: die Hantelgeschwindigkeit ist ein objektiver Indikator und hilft, das subjektive RPE zu kalibrieren.

3. RPE auf Wiederholungsbereiche anwenden

Wenige Wiederholungen (1-5):

  • Die RPE-Beurteilung ist einfacher

  • Jede Wiederholung ist klar unterscheidbar

  • Empfohlen: RPE 7-9

Mittlere Wiederholungen (6-12):

  • Die RPE-Beurteilung ist mäßig

  • Der häufigste Bereich

  • Empfohlen: RPE 7-8.5

Viele Wiederholungen (15+):

  • Die RPE-Beurteilung ist schwierig

  • Muskelbrennen und tatsächliche Leistungsfähigkeit sind schwer zu unterscheiden

  • Empfohlen: RIR 3-5 verwenden

4. Häufige Fehler

Fehler 1: RPE überschätzen

  • Problem: man hält es für schwerer, als es tatsächlich ist

  • Ursache: Unbehagen mit echter Ermüdung verwechseln

  • Lösung: regelmäßige Versagenstests zur Kalibrierung

Fehler 2: jeder Satz RPE 10

  • Problem: nicht durchhaltbar, Übertraining

  • Ursache: das Missverständnis „härter = besser“

  • Lösung: sich an das programmierte RPE halten

Fehler 3: mangelnde Konsistenz

  • Problem: dasselbe RPE variiert von Tag zu Tag

  • Ursache: kein Maßstab, emotionale Beurteilung

  • Lösung: klare Kriterien festlegen, Aufzeichnungen führen

Fehler 4: RPE beim Aufwärmen nutzen

  • Problem: das Aufwärmen wird zu anstrengend

  • Ursache: RPE auf alle Sätze anwenden

  • Lösung: feste Gewichte/Prozentsätze fürs Aufwärmen nutzen

RPE/RIR-Leitfaden nach Trainingsziel

Kraftentwicklung

Ziel: maximale Kraftsteigerung

  • Wiederholungsbereich: 1-5 Wiederholungen

  • Empfohlenes RPE: 7-9

  • Empfohlenes RIR: 1-3

  • Sätze: 3-6 Sätze

  • Beispiele: Kniebeuge 5x3 @ RPE 8, Kreuzheben 3x5 @ RIR 2, Bankdrücken 4x2 @ RPE 9

Hypertrophie

Ziel: Zunahme der Muskelmasse

  • Wiederholungsbereich: 6-12 Wiederholungen

  • Empfohlenes RPE: 7-9

  • Empfohlenes RIR: 1-3

  • Sätze: 3-5 Sätze

  • Beispiele: Bankdrücken 4x8 @ RPE 8, Rudern 3x10 @ RIR 2, Beinpresse 4x12 @ RPE 7.5

Muskelausdauer

Ziel: Verbesserung der Ausdauer

  • Wiederholungsbereich: 15-20+ Wiederholungen

  • Empfohlenes RPE: 6-8

  • Empfohlenes RIR: 2-4

  • Sätze: 2-4 Sätze

  • Beispiele: Beinstrecker 3x20 @ RIR 3, Kabelrudern 3x15 @ RPE 7

Techniktraining

Ziel: Bewegungsmuster perfektionieren

  • Wiederholungsbereich: 3-5 Wiederholungen

  • Empfohlenes RPE: 5-7

  • Empfohlenes RIR: 3-5

  • Sätze: 5-10 Sätze

  • Beispiele: Reißen 8x3 @ RPE 6, Frontkniebeuge 6x3 @ RIR 4, Power Clean 10x2 @ RPE 7

RPE-basierte Programme erstellen

Beispiel für eine Wochenstruktur - lineare Periodisierung (12 Wochen)

  • Woche 1-4: 8x4 @ RPE 7 - Volumenaufbau

  • Woche 5-8: 6x4 @ RPE 7.5-8 - Intensitätssteigerung

  • Woche 9-11: 3-5x5 @ RPE 8-9 - Peaking

  • Woche 12: Deload @ RPE 5-6 - Erholung

Tägliche wellenförmige Periodisierung (DUP)

Training 3x pro Woche

  • Montag - Volumen: Kniebeuge 5x8 @ RPE 7, Bankdrücken 5x8 @ RPE 7

  • Mittwoch - mittel: Kniebeuge 4x6 @ RPE 8, Bankdrücken 4x6 @ RPE 8

  • Freitag - Intensität: Kniebeuge 5x3 @ RPE 8.5, Bankdrücken 5x3 @ RPE 8.5

Autoregulation

Konzept: das Gewicht automatisch an die Tagesform anpassen

Methode:

  1. Ziel festlegen: Kniebeuge 5 Wiederholungen @ RPE 8

  2. Ersten Satz ausführen: 100 kg x 5

  3. RPE bewerten:

    • War RPE 7 → Gewicht erhöhen (105 kg)

    • War RPE 8 → beibehalten (100 kg)

    • War RPE 9 → Gewicht reduzieren (95 kg)

  4. Nächsten Satz fortsetzen: mit angepasstem Gewicht

Vergleich von RPE und 1RM-Prozentsatz

Ungefähre Umrechnungstabelle

  • 1 Wiederholung: RPE 7=87%, RPE 8=92%, RPE 9=97%, RPE 10=100%

  • 3 Wiederholungen: RPE 7=81%, RPE 8=86%, RPE 9=91%, RPE 10=95%

  • 5 Wiederholungen: RPE 7=76%, RPE 8=81%, RPE 9=86%, RPE 10=89%

  • 8 Wiederholungen: RPE 7=70%, RPE 8=76%, RPE 9=81%, RPE 10=84%

  • 10 Wiederholungen: RPE 7=67%, RPE 8=73%, RPE 9=78%, RPE 10=80%

Hinweis: diese Tabelle ist nur eine allgemeine Orientierung; die individuelle Schwankung ist erheblich.

Fortgeschrittene RPE-Techniken

1. RPE-Bereiche nutzen

Methode: Kniebeuge 5 Wiederholungen @ RPE 7-8

  • Gute Tagesform: bis RPE 8 pushen

  • Schlechte Tagesform: bei RPE 7 aufhören

  • Balance aus Flexibilität und Struktur

2. Top-Satz + Backoff

Struktur:

  • Top-Satz: 1x5 @ RPE 9 (schwerstes Gewicht)

  • Backoff-Sätze: 3x5 @ RPE 7-8 (reduziertes Gewicht)

  • Vorteil: erfasst sowohl hohe Intensität als auch Volumen

3. RPE-Pyramide

Struktur: Satz 1: RPE 7, Satz 2: RPE 7.5, Satz 3: RPE 8, Satz 4: RPE 8.5, Satz 5: RPE 8 (Backoff)

4. Cluster-Sätze

Methode: 3x(2+2+2) @ RPE 9

  • 2 Wiederholungen ausführen → 15 s Pause → 2 Wiederholungen ausführen → 15 s Pause → 2 Wiederholungen ausführen → Satz beendet

  • Jeder Mini-Satz bei RPE 9

Fazit

RPE und RIR sind leistungsstarke Werkzeuge, um die Trainingsintensität wissenschaftlich zu steuern. Sie sind flexibler und intuitiver als 1RM-Prozentsätze und können die Tagesform widerspiegeln.

Kernpunkte:

  1. RPE ist die subjektive Intensität, RIR sind die verbleibenden Wiederholungen

  2. Regelmäßige Kalibrierung verbessert die Genauigkeit

  3. Nutze für dein Ziel passende RPE/RIR-Bereiche

  4. Überprüfe objektiv mit Hantelgeschwindigkeit und Technik

  5. Erkenne Muster durch konsequentes Protokollieren

Tipps für die praktische Anwendung:

  • Anfänger: mit RIR 2-3 beginnen

  • Fortgeschrittene: den Bereich RPE 7-8.5 nutzen

  • Profis: Autoregulation und fortgeschrittene Techniken anwenden

  • Alle Niveaus: RPE 10 nur fürs Peaking/Testen!